…DIE kennen sich aus?
(behauptete jedenfalls derzeit die Werbung)
Mein Agenturalltag ist durchzogen von Realsatire. Echt jetzt, kannste eigentlich gar keinem erzählen. Hier, die Gelben Seiten® zum Beispiel. Ihr wisst schon: Die »machen das Leben leichter.« Das Leben anderer natürlich.
Was auf den ersten Blick unverfänglich klingt: die geben sogar Agenturprovision. Sowas bieten normalerweise Verlage Werbeagenturen an, weil die weniger Scherereien machen oder so (außer in Niedersachsen, aber das will ich an dieser Stelle nicht werten; erinnert mich bei Gelegenheit mal dran). Die Crux ist nur: die Provision will gar keiner haben. Keine Agentur ist auf die damit verbundene abstruse Arbeit scharf. Stellt euch das ungefähr so vor, als ob es für jeden Quadratmillimeter gelben Papiers eine andere Sonderregel gäbe, das kommt der Realität ziemlich nah.
Und für fast jedes Land ist ein anderer Verlag zuständig, der natürlich seine ganz eigenen Spezialsonderregeln hat. Also kaum glaubst du, jetzt hast du’s verstanden, gehst du nochmal neu in die Lehre. Obwohl… stimmt auch nicht ganz. Manche Verlage kooperieren miteinander. Ich weiß nicht, ob die Komik so nachvollziehbar ist, aber ich erzähl’s mal trotzdem:
Angenommen, wir haben da einen Kunden, der Niederlassungen in Hamburg und Niedersachsen hat. Von Berliner Erfahrungen vorgeschädigt, fragt man bei einem der beiden Verlage, hier jetzt mal (zufällig) dem Niedersachsener, direkt, ob es denn sein könne, dass man tatsächlich alle Verlage separat abklappern müsse und fällt auch prompt auf die »gute Nachricht« rein, weil es ja doch eigentlich so logisch erscheint, dass diejenigen die Leistung anbieten, die sich am besten damit auskennen: Aber ja, wir könnten die Anzeige fürs Hamburger Buch zusammen mit dem Buch Diepholz/Nienburg/Verden buchen, »kein Problem«.
Was ein Problem ist, ist ja bekanntlich Ansichtssache, aber ich glaube, ich habe die Vertrieblerin zum jetzigen Zeitpunkt immerhin überzeugen können, dass wir beide jetzt eins haben.
Sagen wir also, wir tun da ne bunte Werbeanzeige rein, zwei Spalten breit und vielleicht 155 mm hoch. (Fatal wär’s, bei solchen Verhandlungen in Zentimetern zu rechnen, Pharmakologen werden das nachvollziehen können.) Weiter angenommen, dass unser Kunde auch grad keinen Interesse an einem weiteren Firmenwagen hat, den er von dem Geld locker kaufen könnte. Die Vertrieblerin versucht mich zunächst mit ihrer Begeisterung anzustecken, wie außerordentlich günstig das doch sei, wenn man das mal auf den Tag umrechnet. (Wer, bitte, blättert täglich durchs Telefonbuch?)
Gutgut, also dann diese Anzeige mit den zwei unterschiedlichen Adressen… zu diesem Zeitpunkt hält die sachlich gestimmte Gesprächspartnerin es für angemessen, mich darauf hinzuweisen, dass wir es allein ihrer Kulanz zu verdanken haben, dass wir ins Hamburger Buch eine andere Adresse und Telefonnummer setzen, weil das »in diesem Fall ja auch wirklich sinnvoll« sei. (Ich möchte ihre anderen Fälle nicht kennen, glaube ich.) »Oha, na, das ist aber lieb von Ihnen, dankeschön!«
Leider gäbe es da aber ein kleines Problem. Die Niedersachsener Bücher sind vierspaltig gesetzt – die Hamburger Bücher hingegen nur dreispaltig. Ja, aber wie zum Teufel kann man denn dann die gleiche Anzeige dort platzieren? – Ja, eben drum. Also, wir müssten dann schon über die ganze Seitenbreite gehen. Koste ja auch gar nicht sooo viel mehr (Klimaanlage, Sitzheizung und Dachgepäckträger?)
In dem Augenblick wird mir klar, dass mein Kunde das Kombiangebot mit Superrabatt gar nicht so toll finden wird wie die geduldige Vertrieblerin in meinem Ohr…
Jetzt nehmen wir einfach jeweils drei Zeilen Text mit Telefonnummer. Von mir aus auch als Halbfettzeilen (Telefonnummern müssen nämlich halbfett, wissen Sie). Nach Ansicht der Vertrieblerin wird diese Unvernunft meinen Kunden ruinieren.
Aber das ist Ansichtssache, damit zumindest kenn ich mich aus.